Leitlinien der DGOU, DGOOC und DGU – ein Rückblick auf das Jahr 2024

Qualität und Sicherheit
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Immer das Ziel im Blick, die Qualität der Behandlungsempfehlungen zu erhöhen, konnte die Leitlinienkommission der DGOU auch in diesem Jahr einige Projekte, zum Teil mit Förderungen, erfolgreich abschließen. Um die medizinische Versorgung der Patientinnen und Patienten stetig zu verbessern, wurden die Interdisziplinarität und Einbindung der Patientenperspektive in den Projekten stärker gefördert. Auch international sollen die Leitlinien der DGOU an Bedeutung gewinnen. Daher werden neue S3-Leitlinien künftig zusätzlich in einer englischen Version und neue S2k- und S2e-Leitlinien in einer englischen Kurzversionen publiziert. Frischen Wind gibt es zudem innerhalb der Leitlinienkommission: Prof. Dr. Carl Neuerburg aus München und Anne-Maria Mielke vom Jungen Forum O und U aus Berlin verstärken das Team. Um die wichtigsten Meilensteine der Leitlinienarbeit für dieses Jahr hervorzuheben, gibt die Leitlinienkommission einen Überblick aller Leitlinien, die 2024 veröffentlicht, angemeldet wurden oder sich in finaler Bearbeitung befinden.

Publizierte Leitlinien

S2k-Leitlinie Gonarthrose unter Federführung von Prof. Dr. Johannes Stöve und Prof. Dr. Andreas Halder

Für die Aktualisierung der S2k-Leitlinie haben Expertinnen und Experten aus 17 verschiedenen Fachgesellschaften für die unterschiedlichen Therapieoptionen Empfehlungen angepasst oder neu erstellt. Die Beratung, Aufklärung und präventiven Maßnahmen sind weiter in den Vordergrund gerückt. Auch die Eigeninitiative der Patientinnen und Patienten wird stärker betont, daher wird die Motivation des Patienten als zentraler Punkt der Therapie hervorgehoben. Die Empfehlungen des Kapitels „Medikamentöse Therapie“ wurden mit dem Ziel angepasst, Wirkungsstärken realistisch einschätzen zu können und die Risiken von Medikationsfehlern und Nebenwirkungen zu senken. Die Indikation der operativen Therapie soll individuell und gemeinsam mit den Patientinnen und Patienten unter Berücksichtigung aller Faktoren gestellt werden. Als wesentliche Neuerung in der operativen Therapie haben die Autoren die Volume-Outcome-Forschung aufgegriffen und empfehlen die Einhaltung der gesetzlich festgelegten Mindestmengenregelung.

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Leitlinie Rehabilitation nach Majoramputation der oberen Extremität unter Federführung von Prof. Dr. Frank Braatz

Wegen der heute sehr komplexen Versorgung von Patientinnen und Patienten mit Amputationen an der oberen Extremität ist eine erfolgreiche Behandlung oft nur gemeinsam im interdisziplinären Team möglich. Für die Erstellung der Handlungsempfehlungen für die Rehabilitation nach einer Amputation wurden daher insbesondere die Herausforderungen der neuen OP-Techniken, wie Osseointegration und TMR (targeted muscle reinnervation), die komplexeren Passteile und orthopädietechnischen Möglichkeiten sowie neue Werkstoffe (z.B. Silikon) oder auch neue Techniken (3D-Druck) und digitale Herstellungstechniken berücksichtigt.

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Leitlinie Spezifischer Kreuzschmerz unter Federführung von PD Dr. Stefan Kroppenstedt

Neu in der Leitlinie ist das Kapitel zu pathologischen Prozessen in den Sakroiliakalgelenken. Dabei werden sowohl diagnostische Methoden als auch Therapieoptionen beleuchtet. Für das Kapitel zum lumbalen Facettengelenkschmerz gab es neue Evidenz, sodass dieses intensiv überarbeitet wurde. Die Leitlinie zum Spezifischen Kreuzschmerz stellt damit einen Bezug zur Leitlinie „Radiofrequenz-Denervation der Facettengelenke und des ISG“ her.   

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Leitlinie Wirbelsäulenmetastasen unter Federführung von Prof. Dr. Georg Osterhoff, Prof. Dr. Alexander Disch und Prof. Dr. René Schmidt

Die Empfehlungen der neuen S2k-Leitlinie Wirbelsäulenmetastasensollen helfen, die Qualität der Versorgung von Patientinnen und Patienten mit extraduralen Wirbelsäulenmetastasen zu verbessern und dabei insbesondere die Behandlung in Bezug auf den Gesamtzustand der einzelnen Patienten anzupassen. Ein zu betonendes Resultat dieses interdisziplinären Projektes ist, dass die Behandlung von Wirbelsäulenmetastasen immer ein Zusammenspiel der nicht-operativen und operativen Fächer ist. Die operative Behandlung löst das Problem selten allein und sollte immer im Kontext einer onkologischen und strahlentherapeutischen Mitbehandlung gestellt werden.

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Leitlinien in Revision

Leitlinie Hallux Valgus unter Federführung von PD Dr. Sarah Ettinger und Prof. Dr. Sebastian Baumbach

Die S2e-Leitlinie wurde basierend auf einem „living systematic review“ vollständig überarbeitet. Entscheidende Änderungen umfassen die Einteilung des Schweregrades und die Therapieempfehlungen. Unter anderem wurde die minimalinvasive Hallux-valgus-Korrektur mitaufgenommen.

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Leitlinie Prävention und Therapie der Gonarthrose unter Federführung von Prof. Dr. Johannes Stöve und Prof. Dr. Andreas Halder

Die neue, vom G-BA geförderte, S3-Leitlinie wurde auf Basis der Empfehlungen der in diesem Jahr veröffentlichten S2k-Leitlinie (Version 4.0) erstellt. Beim Upgrade der Leitlinie auf S3-Niveau hat die Leitliniengruppe Gruppe, die aus 21 Fachgesellschaften besteht, besonderen Wert auf Transparenz und Neutralität gelegt. Die Empfehlungen sollen Ärztinnen und Ärzten sowie Patientinnen und Patienten gleichermaßen Orientierung bieten und dabei unterstützen, die Wirksamkeit einzelner Therapien zu beurteilen, um eine individuell angepasste Therapie zusammenzustellen. Gleichzeitig helfen die Empfehlungen, Unsicherheit in der klinischen Praxis zu minimieren. 

Leitlinien im finalen Konsensusprozess

Leitlinie Atraumatische Femurkopfnekrose des Erwachsenen unter Federführung vonProf. Andreas Roth

Das durch Evidenzberichte des Instituts für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG) unterstützte S3-Leitlinienprojekt hat das Ziel, eine frühzeitige Diagnose zu ermöglichen, um Spätschäden mit Gelenkdestruktion zu vermeiden. Das IQWiG unterstützt aktiv durch begrenzte Literaturrecherche das Leitlinien-Update 2025. Ein bedeutender Fokus des Leitlinienprojektes liegt auf der Evaluation des gesamten Spektrums der diagnostischen Möglichkeiten. Für eine frühzeitige Intervention spielen im Besonderen die konservativen und gelenkerhaltenden Maßnahmen eine Rolle. Daher werden in der Leitlinie die vorhandenen Möglichkeiten der physikalischen und medikamentösen Behandlung evaluiert. Des Weiteren wird der therapeutische Wert von operativen, gelenkerhaltenden und gelenkersetzenden Maßnahmen stadiengerecht dargestellt.

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Leitlinie Diagnostik und Therapie osteoporotischer Wirbelkörperfrakturen  unter Federführung vonProf. Dr. Max Scheyerer

Osteoporose gehört zu den aktuell häufigsten Erkrankungen der älteren Bevölkerung. Eine der wichtigsten klinischen Folgen sind vermehrte Knochenbrüche, vor allem Frakturen der Wirbelkörper. Noch heute werden die Folgen für Patientinnen und Patienten mit dieser Frakturform unterschätzt. Daher sind eine suffiziente Behandlung und Prävention unerlässlich, um die Lebensqualität zu erhalten und einen komplizierten Verlauf zu vermeiden. Allerdings sind in diesem speziellen Patientenkollektiv auch die mit der Behandlung einhergehenden allgemeinen Operationsrisiken wie auch die mittel- bis langfristigen Folgen im Rahmen der Therapieentscheidung zu bedenken. Die neue S2k-Leitlinie widmet sich daher ausschließlich dieser Frakturentität, um – sowohl klinisch, radiologisch als auch therapeutisch – den behandelnden Ärzten einen Leitfaden an die Hand zu geben. Dabei wurde besonderer Wert auf die konservativen als auch operativen Therapieoptionen sowie ihre jeweilige Indikation gelegt.

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Leitlinie Rotatorenmanschettenruptur unter Federführung von Prof. Dr. Dennis Liem und Prof. Dr. Maurice Balke

Die S2-Leitlinie zur Behandlung von Verletzungen und Erkrankungen der Rotatorenmanschette war eine der ersten evidenzbasierten Leitlinien im Bereich der Schulterchirurgie. Sie wird derzeit grundlegend überarbeitet, um den neuesten wissenschaftlichen Erkenntnissen Rechnung zu tragen. Die Gruppe der beteiligten Fachgesellschaften wurde auf insgesamt elf erweitert und betont die Interdisziplinarität der Leitlinie. Mit ihrer Fertigstellung wird die Leitlinie einen wegweisenden Standard für Diagnostik, konservative Therapie und operative Verfahren setzen. Im Herbst 2024 wurde ein Förderantrag zur Erstellung einer S3-Leitlinie beim Gemeinsamen Bundesausschuss gestellt.

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Leitlinie Evidenzbasierte interdisziplinäre Therapie hüftgelenknaher, pertrochantärer Oberschenkelfrakturen (EvidenT-HiP ) unter Federführung von Prof. Dr. Carl Neuerburg

Die vom Innovationsfond der G-BA geförderte S3-Leitlinie EvidenT-HiP wird in enger Zusammenarbeit mit dem Zentrum für Evidenzbasierte Gesundheitsversorgung (ZEGV) der TU Dresden und dem MUM – Muskuloskelettales Universitätszentrum München unter dem Themenschwerpunkt „Operative Eingriffe am Skelettsystem/Bewegungsapparat“ erstellt. Der Fokus der Leitlinie liegt neben einer evidenzbasierten Aufarbeitung der chirurgischen Therapie in einer Aufarbeitung der interdisziplinären Zusammenarbeit der medizinischen Akteure im Sinne eines Co-Managements zur ganzheitlichen Behandlung der häufig vorliegenden Komorbiditäten und Risikofaktoren bei Hüftfrakturpatientinnen und -patienten. Durch evidenzbasierte, interdisziplinäre Therapieempfehlungen sollen Brüche im Versorgungsgeschehen verhindert und Komplikationen und damit die bisher hohe 1-Jahres-Mortalität reduziert werden. Die etablierte Leitliniengruppe hat im Herbst 2024 auch für die S3-Leitlinie „Schenkelhalsfrakturen“ einen Antrag beim G-BA eingereicht.

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Leitlinie Behandlungsleitlinien und Behandlungsstrategien für den Einsatz in klinischen Krisen- und Katastrophenmedizin unter Federführung von Prof. Dr. Axel Franke

Die S2k-Leitlinie entwickelt für das Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe (BBK) klinische und interdisziplinäre Behandlungsempfehlungen im Sinne von „Best Clinical Practices“ und „best organizational practices“, die bei katastrophen-, krisen-, kriegsmedizinischen Schadenslagen im Krankenhaus umgesetzt werden können. Dazu hat sich ein Expertengremium von 40 verschiedenen Fachgesellschaften mit starkem Fokus auf Interdisziplinarität und dem Ziel gebildet, die Inhalte der Leitlinie in geeigneter Form für Aus-, Fort- und Weiterbildungsinhalte zur Umsetzung und Verbreitung zur Verfügung zu stellen, um so eine einheitliche Versorgung zu sichern.

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Leitlinien Frakturassoziierte Infektionen nach Osteosynthese unter Federführung von Prof. Dr. Volker Alt und Prof. Dr. Markus Rupp

Die S2k-Leitlinie „Frakturassoziierte Infektion nach Osteosynthese“ widmet sich einer der Hauptkomplikationen der operativen Behandlung von Frakturen, nämlich der Infektion der Frakturstelle und Osteosynthese-Implantate durch Bakterien bzw. Pilze. Hierfür wurde in den letzten Jahren der Begriff der „Fracture-related infection (FRI)“ in der wissenschaftlichen Literatur etabliert, die als frakturassoziierte Infektion übersetzt werden kann. Neben der reinen terminologischen Definition haben sich auch viele neue Diagnostik- und Behandlungskonzepte über die letzten Jahre etabliert, denen eine interdisziplinäre Diagnostik und Behandlung zur Optimierung der Patientenversorgung zugrunde liegt. Diesem interdisziplinären Ansatz wird auch in dieser Leitlinie über die Beteiligung einer Vielzahl weiterer Fachgesellschaften Rechnung getragen, um auf Basis wissenschaftlich fundierter Diagnostik- und Behandlungskonzepte die Therapieergebnisse bei Infektionen zu verbessern.

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Leitlinie Distale Humerusfrakturen unter Federführung von PD Dr. Valentin Rausch, PD Dr. Michael Hackl

Ziel der S2e-Leitlinie ist die Zusammenfassung der aktuellen Evidenz in dem schwierigen Feld der distalen Humerusfrakturen. Für die sehr schwierigen und komplexen Frakturen, die bis zur Versteifung des Ellbogengelenks führen können, gibt es mehrere konkurrierende Behandlungsoptionen und -methoden. Durch die Leitlinie soll innerhalb der Fachgesellschaften anhand der vorliegenden Evidenz ein Versorgungsstandard etabliert werden, der einen Leitfaden für die Versorgung dieser Verletzungen darstellen soll. Dabei steht die Beratung, Information und Unterstützung von Ärztinnen und Ärzten bei der Erstversorgung am Unfallort, bei der Notfallbehandlung sowie bei Diagnostik, Therapie und Weiterbehandlung von Verletzungen im Fokus.

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Vom Innovationsausschuss des G-BA geförderte S3-LL-Projekte

Mit Stolz blickt die Leitlinienkommission auf mittlerweile fünf S3-Leitlinienprojekte, die vom Innovationsfond des Innovationsauschusses beim G-BA gefördert werden. Zwei davon sind in diesem Herbst gestartet. Bisher konnten insgesamt über zwei Millionen Euro eingeworben werden.
In diesem Jahr wurden zusätzlich vier weitere Anträge für S3-Leitlinienprojekte gestellt.

Angemeldete S3-Leitlinien mit Förderantrag

  • Leitlinie Schenkelhalsfrakturen (Prof. Dr. Carl Neuerburg)
  • Leitlinie Rotatorenmanschettenruptur (Dr. Sophia Hünnebeck)
  • Leitlinie Sprunggelenkfrakturen (Prof. Dr. Stefan Rammelt)
  • Leitlinie Verletzungen des Beckenrings (PD Dr. Christopher Spering)

Neue Leitlinien

Leitlinie  Wirbelsäulenimmobilsation im Rettungsdienst unter Federführung von PD Dr. Heiko Trentzsch

Obwohl die Ruhigstellung von Frakturen ein zentrales Grundprinzip der unfallchirurgischen Versorgung darstellt, gibt es seit Jahrzehnten eine kontroverse Diskussion über die Immobilisation der Wirbelsäule von Unfallpatientinnen und -patienten. Leider gibt es zum Nutzen und Schaden von Immobilisationsmaßnahmen nur Evidenz mit niedriger Qualität, da die vorliegenden Studien nur auf kleinen Fallzahlen oder Einzelfalldarstellungen beruhen. In der Konsequenz bestehen uneinheitliche Meinungen und Unsicherheiten über das richtige Vorgehen, Indikation und technische Durchführung. Das zentrale Anliegen dieses S2k-Leitlinienprojektes ist daher die Sicherstellung einer einheitlichen Behandlungsqualität. Dafür hat sich eine interdisziplinäre Expertengruppe aus 24 Fachgesellschaften und Organisationen zusammengefunden, die in allen Bereichen der Versorgung dieser Patienten involviert ist. Die Leitliniengruppe wird Empfehlungen formulieren und konsentieren, die den Anwendern mehr Handlungssicherheit geben und die die bestmögliche Versorgung der Patienten gewährleisten.

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Anmeldungen zur Aktualisierung von Leitlinien

  • S3-Leitlinie Suprakondyläre Humerusfraktur beim Kind – Prof. Dr. Peter Strohm (Fertigstellung Juli 2025)
  • S2k-Leitlinie Posttraumatische Schulterinstabiltät – Dr. Elisabeth Böhm (Fertigstellung Januar 2026)
  • S2k-Leitlinie Rehabilitation nach Majoramputation der unteren Extremität – Prof. Dr. Frank Braatz, Merkur Alimusaj (Fertigstellung Dez. 2025)
  • S2k-Leitlinie Konservative, operative und rehabilitative Versorgung bei Bandscheibenvorfällen mit radikulärer Symptomatik – Prof. René Schmidt (Anmeldung in Planung)S2k-Leitlinie Stützverbände bei Frakturen und Verletzungen – Dr. Rainer Kübke (Fertigstellung Juli 2025)
  • S2k-Leitlinie Periprothetische Frakturen – Prof. Thomas Fuchs
  • S2e-Leitlinie Proximale Ulnafrakturen – Dr. Valentin Rausch, PD Dr. Michael Hackl, Prof. Lars Müller

Das Leitliniensekretariat steht den Koordinatorinnen und Koordinatoren der Leitlinien beratend und unterstützend zur Seite. Weitere Informationen und Fragen können gern an Dr. Diana Schoppe (leitlinien(at)dgou.de) gerichtet werden.

Die Leitlinienkommission der DGOU bedankt sich für die hoch motivierte Arbeit aller Leitliniengruppen und für das Engagement, die medizinische Versorgung stetig zu verbessern.

 

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